Isang Yun

Komponist

Biografie

Yun, Isang

Isang Yun (eigentlich: Yun I-Sang)
wurde 1917 in der Provinz Gyeongsangnam-do in der Nähe der Hafenstadt Tongyeong im Süden Koreas als Sohn des Dichters Ki-Hyon Yun geboren. Bereits 1931 wurde eine Komposition von ihm in einem Kino gespielt. 1934 erschien der Liederband Lied des Hirten. 1935/36 studierte er Violoncello und Musiktheorie am Musikinstitut in Osaka und arbeitete anschließend als Lehrer in Tongyeong. 1940/41 studierte er bei Ikenouchi Tomojirō an der Nihon-Universität in Tokio.
Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Korea begann er, sich gegen die japanische Fremdherrschaft zu betätigen und erlebte zum ersten Mal Inhaftierung und Folter. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der japanischen Besetzungszeit arbeitete Yun als Musiklehrer am Mädchengymnasium in Tongyeong, gründete ein Waisenhaus in Busan und wurde Musiklehrer an der Pädagogischen Hochschule in Busan. Neben diesen Tätigkeiten, die auch aus seinem Bestreben nach Stärkung der kulturellen Identi­tät des befreiten Koreas resultierten, geriet seine Komponistentätigkeit zeitweilig in den Hintergrund. Aus den 1940er-Jahren sind nur einige Schulhymnen und Lieder mit Kla­vierbegleitung erhalten.
In den beginnenden 1950er-Jahren arbeitete Yun vermehrt an einer Modernisierung des koreanischen Musiklebens, unterrichtete, schrieb Zeitungsartikel, organisierte Kon­zerte und trat als Cellist auf. 1955 entstanden das 1. Streichquartett und ein Klaviertrio; im Folgejahr erhielt er dafür den Kulturpreis der Stadt Seoul. Er entschloss sich, in Europa noch einmal zu studieren, zunächst ein Jahr am Conservatoire National de Musique in Paris bei Tony Aubin und 1957–59 an der damaligen Hochschule für Musik in Berlin bei Boris Blacher. Erste Erfolge bei Aufführungen seiner Musik bewogen ihn, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, dauerhaft in Europa zu bleiben. Er wohnte in Krefeld, Freiburg, Köln und Berlin und holte 1961 seine Frau und 1964 seine Kinder nach Deutsch­land. Vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere war die Uraufführung seines Orchesterwerks Réak bei den Donaueschinger Musiktagen (1966).
Im Juni 1967 wurde er – wie auch andere exilkoreanische Intellektuelle – vom südkoreanischen Geheimdienst unter bis heute nicht vollständig aufgeklärten Umständen nach Seoul verschleppt, inhaftiert, gefoltert und vor Gericht gestellt. Die Anklage warf ihm Spionage und Landesverrat vor, da Yun Kontakte zu Nordkoreanern über die Bot­schaft in Ost-Berlin unterhalten hatte und 1963 sogar (nach südkoreanischem Gesetz illegal) nach Nordkorea gereist war, um dortige Kulturgüter zu besichtigen wie die Fres­ken in den Königsgräbern von Kangsŏ (6./7. Jahrhundert), die hochbedeutsam für seine Musikästhetik sind. (Eine Reproduktion des „Weißen Tigers“ hing später in seinem Wohnhaus; im Quartett Images von 1968 wird der Tiger durch das Violoncello re­prä­sentiert.) In drei Instanzen zu lebenslanger, dann fünfzehnjähriger und schließlich zehn­jähriger Haft verurteilt, wurde er im März 1969 aufgrund internationaler Proteste und des politischen Druckes der damaligen deutschen Bundesregierung begnadigt (jedoch nicht rehabilitiert) und konnte nach Deutschland zurückkehren. Er wurde deut­scher Staatsbürger, erhielt Lehraufträge an den Musikhochschulen in Hannover und Ber­­lin (seit 1973 als Professor) und konnte zunehmend Erfolge mit seinen Werken erzielen.
Yun, dessen Personalstil Elemente der jahrhundertealten sino-koreanischen Hofmusik mit dem Instrumentarium und den Methoden der westlichen Neuen Musik verbindet, näherte sich im Laufe der Zeit auch den Formen der europäischen Musiktradition an. So entstanden zwischen 1975 und 1992 zehn Instrumentalkonzerte sowie von 1982 bis 1987 in kurzer Folge fünf große Symphonien.
Yun engagierte sich jahrzehntelang in exilkoreanischen Verbänden mit dem Ziel der Demokratisierung seines Heimatlandes. Auf das Massaker an der Zivilbevölkerung in Kwangju (1980) reagierte er mit seinem Orchesterstück Exemplum in memoriam Kwangju. Versuche, nach Südkorea zu reisen, scheiterten mehrfach aus politischen Gründen, obwohl seine Musik dort seit 1982 gelegentlich wieder aufgeführt werden konnte. Hingegen bemühte er sich in den 1980er-Jahren während einiger Aufenthalte in Pyöngjang, das nordkoreanische Musikleben zu öffnen und zu modernisieren, um auf diese Weise dem Traum einer Wiedervereinigung näherzukommen. Eine Absicht, deren Ver­geblichkeit er letztlich enttäuscht einsehen musste. Bis heute wird er wegen dieser Kontakte von rechtsnationalen Kreisen in Südkorea als Agent des Nordens verunglimpft.
Hochgeachtet und mit zahlreichen Ehrungen bedacht starb Yun 1995 in Berlin-Spandau und wurde in einem Ehrengrab auf dem Landschaftsfriedhof in Berlin-Gatow beigesetzt. 2018 wurde seine Urne nach Tongyeong (Südkorea) überführt.
Yuns umfangreicher Werkkatalog umfasst vier Opern, zahlreiche Orchesterwerke und Solokonzerte, mehrere Kantaten sowie Solostücke und Kammermusik in den unterschiedlichsten Besetzungen.                       

Veröffentlichte Alben

  • Isang Yun und das Cello

    Jubiläums-Edition Künstler im Gespräch Vol. 11In der Fantasie war ich frei (Isang Yun). Isang Yuns Leben ist vielschichtig und fesselnd wie ein gut geschriebener Roman. Sein komplexer Charakter mit all seinen Polaritäten und Konflikten angesichts der Heraus­for­derungen, denen er sich stellen musste, bietet Stoff für viele Kapitel von menschlicher, künstlerischer und historischer Relevanz: Nicht nur aufgrund seiner spektakulären Entführung von West-Berlin nach Seoul (Südkorea) Ende der 1960er Jahre, die er in unseren O-Tönen im Zusammenhang mit seinem persönlichen Lebensweg spannend und ergreifend schildert. Nein, auch und insbesondere aufgrund seines faszinierenden Werkes: Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte Yun aus den östlichen und westli­chen Einflüssen, die ihn prägten, eine ganz ureigene und unverwechselbare Sprache, so dass er am Ende seines Lebens sagen konnte: Die Teilung in mir ist vollkommen überwunden, wenn er auch bis zum Schluss sehr unter der Teilung seines geliebten Heimatlandes Korea litt.

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