Sergej Protopopov

Komponist

Biografie

Protopopov, Sergej

Sergej Protopopov (1893-1954)
(Сергей Владимирович Протопопов; Sergey Vladimirovich Protopopov; weitere Varianten: Protopopow; Protopopoff)


Nach wie vor spärlich sind die biografischen Informationen über den am 2. April (21. März) 1893 in Moskau geborenen Sergej Protopopov. Nach einem Medizinstudium begann er 1913 bei Boleslav Javorskij (1877–1942) Musiktheorie zu studieren. Javorskij gehörte zu den bemerkenswertesten Musiktheoretikern und seine originellen Konzeptionen beeinflussten Protopopovs gesamtes eigenes musiktheoretisches und kompositorisches Schaffen. In den 1920er Jahren stand Protopopov der „Assoziation für zeitgenössische Musik“ nahe, die seit 1923 als russische Sektion der „Internationalen Gesellschaft für Neue Musik“ wirkte. Diese Verbindung begünstigte die Herausgabe seiner Kompositionen im Rahmen eines Kooperationsvertrages der 1927 zwischen dem Staatsverlag „Musigis“ und der Wiener Universal-Edition geschlossen wurde. In diesem Zeitraum trat Protopopov vor allem als Herausgeber und Kommentator der theoretischen Schriften seines Lehrers hervor und er veröffentlichte ein eigenes umfangreiches musiktheoretisches Werk.


Protopopovs bislang zugängliche kompositorische Hinterlassenschaft ist sehr schmal und besteht in der Hauptsache aus den drei in den 1920er Jahren entstandenen monumentalen Klaviersonaten, einigen Liedern und Chorsätzen. Er verwendet in seiner zweiten (1924) und dritten (1924–28) Sonate eine deutlich an Skrjabin anknüpfende Klangkomplextechnik und aus der intensiven Beschäftigung mit dessen Kompositionstechnik ging auch eine Rekonstruktion der Musik zur „Vorbereitenden Handlung“ dem Vorspiel zu Skrjabins unvollendetem Totalkunstwerk „Mysterium“ hervor. Die drei Klaviersonaten sind als kompositorische Auseinandersetzung mit Javorskijs umfassender Musiktheorie zu betrachten, die ihre analytisch-deskriptive Leistungsfähigkeit explizit auch an den späten Werken Skrjabins unter Beweis stellen sollte. Noch während seiner Studienzeit bei Sergej Tanejew (1856-1915) und von dessen harmonischen und kontrapunktischen Vorstellungen geprägt hat Javorskij um 1908 mit der Entwicklung seiner Theorie begonnen.


Die Kernidee wird von Javorskij als „Ladovyj ritm“ bezeichnet, was sich nur annäherungsweise mit »Tonartenrhythmus«, »Tonkomplex-Rhythmus«, »Modal-Rhythmus«, oder »Gravitationslehre« übersetzen lässt. Es liegt ihr die Vorstellung einer in ihren Einzeltönen völlig gleichberechtigten Zwölftonleiter zu Grunde, von denen jeder (melodischer) Grundton und Ausgangspunkt einer „Tonart“ (Tonkomplex, Modus) werden kann. Ursprung ist das instabile Tritonusintervall dessen Auflösung in stabile Nachbarintervalle von einer naturgegebenen Gravitationskraft bewirkt werde und deren gegenläufige Bewegung (auseinander und zueinander) strikt in Halbtonschritten erfolgt. Diese beiden Grunddispositionen bilden jeweils ein so genanntes „einfaches symmetrisches System“, die Verschränkung beider Strebebewegungen erzeugt ein „doppeltes symmetrisches System“. Aus der Kombination mehrer solcher einfacher und doppelter Systeme entstehen die eigentlichen „Modi“, hinzu treten noch weitere, frei kombinierbare Tonmodule (wie z.B. ein so genanntes „Tritonuskettenglied“). Die weitere Verknüpfung mehrer Modi erzeugt schließlich die komplexen „Duplex-Modi“, welche auch als „Doppel-Tonarten“ angesprochen werden können. Klangsubstanz und Tonvorrat dieser „Doppel-Tonarten“ zeigt Protopopov in seinen Klaviersonaten oberhalb des Notentextes in einer so genannten „Systemensammlung“ an.


Nach der Ablösung Anatoli Lunatscharski (1875–1933) als Volkkommissar für das Bildungswesen im Jahre 1928 veränderte sich die Situation für Javorskij und Protopopov dramatisch, und beide wurden aus ihren Unterrichtsverhältnissen entlassen. Protopopovs kompositorisches Verstummen während der 1930er Jahre wurde durch seine Inhaftierung in verschiedene Arbeitslager (GULag) erzwungen, in denen er zwischen 1934 und 1936 interniert war. Seine berufliche Karriere und kompositorische Entwicklung, wie sie sich in seinen Werken der 1920er Jahre abzeichnete, hat durch die Repression erheblichen Schaden genommen. Seine Wiedereingliederung in ein geregeltes musikalisches Arbeitsleben ist allein dem mutigen Einsatz und der Fürsprache seiner Freunde zu verdanken. Immerhin konnte er bereits ab 1938 am Moskauer Konservatorium wieder einer Unterrichtsverpflichtung nachkommen, die allgemeine Situation seiner Lebensumstände blieb aber weiterhin prekär und unsicher. Nach Javorskijs Tod (1942) wird ihm die Sichtung und Aufarbeitung des Nachlasses des Freundes anvertraut, ansonsten bleibt Sergej Protopopov bis zu seinem Tod am 14. Dezember 1954 in Moskau aus dem sowjetischen Musikleben fast vollständig ausgeblendet.
Mark Ziegler

Veröffentlichte Alben

  • Klavierwerke um den Russischen Futurismus Vol. 4

    Die abschließende vierte Folge der SACD-Reihe stellt Werken Nikolaj Roslavets und Sergej Protopopovs Kompositionen von Igor Strawinsky und Alexander Skrjabin gegenüber und gewährt dadurch einen Ausblick auf den erweiterten Wirkungskreis des Futurismus auf die russische Musik. Ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2017.

  • Klavierwerke um den Russischen Futurismus Vol. 2

    Die Begegnung mit dem Leben und Werk von Arthur Lourié (1892-1966) und Sergej Protopopov (1893-1954) bietet Gelegenheit tiefere Einblicke in die turbulenten Entwicklungen der russischen Kunst und Gesellschaft der 1910er und 1920er Jahre zu nehmen und deren Beeinflussung durch futuristisches Ideengut zu verfolgen. Ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2017.

  • Klavierwerke um den Russischen Futurismus Vol. 1

    Symbolismus und Futurismus beeinflussten die eigenwillige russische Kunstszene der 1910er Jahre. Ausgehend vom Vorbild Skrjabin unternahmen die drei Komponisten dieser SACD – Nikolaj Obuchov, Ivan Wyschnegradsky, Sergej Protopopov – ihre grenzüberschreitenden Experimente. Ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2017.

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