Nikolaj Obuchov

Komponist

Biografie

Obuchov, Nikolaj

Nikolaj Borisowitsch Obuchov (1892–1954)
(Николай Борисович Обухов; Nikolai Borisovich Obukhov; weitere Varianten: Obukhow, Obouhow, Obouhov, Obouhoff, Oboechov)


Der am 22. (10.) April 1892 in Kursk geborenen Nikolaj Obuchov erhielt seine musikalische Ausbildung am Konservatorium von St. Petersburg, wo er bei Maximilian Steinberg (1883–1946) und Nikolaj Čerepnin (1873–1945) studierte. Ausgehend von der „Klangzentrumstechnik“ Alexander Skrjabins (1872–1915) entwickelt Obuchov bereits um 1915 eine idiomatischen Kompositionsmethode, die vollständig unbeeinflusst von den gleichzeitigen Experimenten Arnold Schönbergs (1874–1951) oder Josef Matthias Hauers (1883–1959) zum Gebrauch zwölftöniger Harmoniekomplexe vorstößt. Schon der Gebrauch des „totale chromatique“ (d.h. aller zwölf Töne der chromatischen Tonleiter) denkt Skrjabins System konsequent weiter, die intervallische Struktur von Obuchovs Akkordkomplexen weist aber einen deutlich flexibleren Umgang mit dem Klangmaterial auf. Skrjabins „Klangzentrum“ ist auf alle Stufen der chromatischen Skala transponierbar und aus seinem Tonvorrat werden sämtliche harmonischen und melodischen Gestalten des musikalischen Satzes gewonnen. In seinen späten Klavierwerken, wie auch in den Skizzen zu seinem unvollendeten Totalkunstwerk „Mysterium“ schlägt Skrjabin den Weg zu einer weiteren, subtilen Ausdifferenzierung seiner Kompositionsmethode ein und beginnt nun Alterationen, Aufstockung des Tonmaterials und Abweichungen in dessen Intervallstruktur zuzulassen.


In Obuchovs “harmonie totale“ ist von Anfang an ein flexiblerer Gebrauch des Tonvorrats zu beobachten. In seinem harmonischen System werden kleine Zeiteinheiten (meistens taktweise) stets mit vollständigen Zwölftonakkorden gefüllt, die aber jeweils unterschiedliche Intervallstruktur aufweisen können. Außerdem ist häufig eine charakteristische Behandlung des Tonmaterials zu beobachten, nämlich eine am „natürlichen“ Resonanzverhalten orientierte Klangauffächerung, welche die Zwölftonkomplexe in der Art der Obertonreihe im Tonraum verteilt und Klangfelder höherer und minderer Dichte entstehen läßt. Als weitere Inspirationsquelle für dieses eigentümliche Verfahren kommt auch die komplexe akustisch-physikalische Natur des Glockenklangs in Frage. In den weitgriffigen, die extremen Lagen des Tonraums vermessenen Harmonien vieler Klavierstücke Obuchovs, sowie in der subtilen Gestaltung des Verklingens der Tongebungen, sind Ähnlichkeiten mit dem charakteristischen Resonanzverhalten des „Schlagtons“, der sich in ein differenziertes Ober- und Untertonspektrum auffächert, auszumachen.


Präzise auf den 8. Juli des Jahres 1915 datiert er auch die Erfindung seiner vereinfachten Notenschrift, die er fortan konsequent zur Aufzeichnung seiner zwölftönigen Kompositionen verwendete. Statt der gebräuchlichen Akzidenzien werden bei den chromatischen Zwischenstufen die Notenköpfe durch liegende Kreuze (X) ersetzt. Eine Unterscheidung zwischen Erhöhung und Erniedrigung findet hier nicht mehr statt, da in Obuchovs harmonischem Verständnis absolute Gleichberechtigung aller Tonstufen herrscht. Viele der Klavierstücke und die Lieder aus den 1910er Jahren sind als experimentelle Vorarbeiten, Stimmungs- und Charakterstudien zum »Livre de Vie« (»Buch des Lebens«) – Obuchovs unvollendetes „opus magnum“ – zu betrachten. Bei der Konzeption dieses Werks stand zweifellos Skrjabins »Mysterium« Modell, das »Livre de Vie« zeigt sich jedoch durch Obuchovs tiefe, christlich-orthodoxe Religiosität motiviert. Gemeinsam sind beiden Entwürfen eine liturgieähnliche Organisation, ihre eschatologische Bestimmung und die ekstatische Ausdrucksphäre, die bei Obuchov eine nochmalige Steigerung erfährt.


Obuchov verließ Russland mit seiner Frau und zwei Kindern bereits 1917 und gelangte über Zwischenstationen auf der Krim und der Türkei 1919 nach Paris. Hier nahm er Kontakt zu Maurice Ravel (1875-1937) auf, der sich von seinen Entwürfen sehr beeindruckt zeigte und ihn in der Folge auf vielfältige Art zu unterstützen versuchte. In den Jahren bis 1928 arbeitete Obuchov intensiv am »Livre de Vie«, einer Art Oratorium von gigantischen Ausmaßen, was die Aufführungsdauer und den Personalaufwand anbelangt. Dessen »Préface« gelangte 1926 in einer orchestrierten Fassung zur Aufführung, der Rest der riesigen Komposition blieb in einer Fassung für Soli, Chor und zwei Klaviere, die wohl als Grundlage für eine Orchestrierung dienen sollte, liegen. Die Über- und Umarbeitung einzelner, aus dem Zusammenhang heraus gelöster Teile des »Livre de Vie« beschäftigten Obuchov immer wieder und führte zum Entstehen mehrere paralleler Fassungen. Das Werk als Ganzes blieb jedoch unvollendet.


Ebenfalls in die späten 20er Jahre fällt Obuchovs Konstruktion des »Croix sonore« eines elektroakustischen Instruments, das in Klangcharakteristik Ähnlichkeiten mit den »Ondes musicales« von Maurice Martenot (1898-1980) aufweist und spieltechnisch dem völlig neuartigen elektro-akustisches „Ätherwelleninstrument“ Lev Termens (1896–1993) verwand ist. Genau wie das nach seinem Erfinder „Thermenvox“ getaufte Instrument wird das „tönende Kreuz“ berührungslos mittels „beschwörender“ klangerzeugender Gestikulation gespielt, der Interpret ergreift die Klänge scheinbar aus der Luft. Das „Croix sonore“ war für Obuchov nicht allein ein Werkzeug, um neue, unerhörte Klangfarben zu realisieren. In der Partitur finden sich zwei (elektroakustische?) Instrumentalstimmen, von denen eine „Crystal“ und die zweite „Aether“ heißt, beide Bezeichnungen stammen aus der „Offenbarung des Johannes“, Obuchovs zentraler Inspirationsquelle. Im Totalkunstwerk „Livre de Vie“ fungiert das „tönende Kreuz“ über seine musikalische Nutzanwendung hinaus auch als liturgischer Gegenstand seiner mystischen Kunstreligion, genauso wie ein ikonenartiges Tafelwerk, das den Zuschauern in einer weihevollen Prozession (nur) gezeigt werden soll.


Das für dieses Instrument geschaffene Repertoire wurde für die Pianistin Marie-Antoinette Aussenac de Broglie (1883–1971) geschrieben, die zu Obuchovs zentraler Interpretin wurde und Dank derer finanziellen Unterstützung er die Arbeit am »Buch des Lebens« weiter fortsetzen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte neben eigenen Stücken, einer Ausgabe älterer Klavierwerke (u.a. von Beethoven, Chopin und Debussy) auch ausgewählte Klavierwerke von Arthur Honegger und Olivier Messiaen in seiner vereinfachten Notation erscheinen und er konnte sein »Traité d’harmonie tonale, atonale et totale« veröffentlichen. Ende des Jahres 1949 wurde Obuchov Opfer eines Gewaltverbrechens. Die bei diesem nächtlichen Überfall erlittenen schweren Verletzungen verhinderten jegliche weitere kompositorische Tätigkeit, und Obuchov erlag schließlich ihren Spätfolgen am 13. Juni 1954.
Mark Ziegler

Veröffentlichte Alben

  • Klavierwerke um den Russischen Futurismus Vol. 4

    Die abschließende vierte Folge der SACD-Reihe stellt Werken Nikolaj Roslavets und Sergej Protopopovs Kompositionen von Igor Strawinsky und Alexander Skrjabin gegenüber und gewährt dadurch einen Ausblick auf den erweiterten Wirkungskreis des Futurismus auf die russische Musik. Ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2017.

  • Klavierwerke um den Russischen Futurismus Vol. 1

    Symbolismus und Futurismus beeinflussten die eigenwillige russische Kunstszene der 1910er Jahre. Ausgehend vom Vorbild Skrjabin unternahmen die drei Komponisten dieser SACD – Nikolaj Obuchov, Ivan Wyschnegradsky, Sergej Protopopov – ihre grenzüberschreitenden Experimente. Ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2017.

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