Nikolaj Roslavets

Komponist

Biografie

Roslavets, Nikolaj

Nikolaj Andrejewitsch Roslawez (1880-1944)
(Николай Андреевич Рославец; Nikolai Andreyevich Roslavets; Nikolaj Andreevič Roslavec; Roslawetz)


Für viele Künstler in der Sowjetunion wurde während der Stalinära das Phänomen des Verstummens und Verschwindens aus der Öffentlichkeit, das gewaltsame Tilgen aller hinterlassenen Spuren, bis hin zur akuten Lebensbedrohung eine grausame Alltäglichkeit, die auch der am 23.12.1880 (4.1.1881) vermutlich im ukrainischen Ort Surasch geborene Nikolaj Roslawez erlebt hat. Aus einfachen Verhältnissen stammend war seine früheste musikalische Prägung das zunächst autodidaktisch und durch einen Onkel erlernte Violinspiel, später kamen dann professioneller Geigen- und Theorieunterricht bei Arkadij Abaza in Kursk dazu. Roslawez schloss 1912 ein Studium der Komposition, der Musiktheorie und ein Violinstudium am Moskauer Konservatorium ab.


Durch seine Freundschaft mit Kasimir Malewitsch (1878–1935) und Michail Matjuschin (1861–1934) vermittelt kam Roslawez früh mit der kubo-futuristischen Kunstszene in Kontakt. Er stand kurzzeitig einer von Malewitsch 1916 gegründeten Künstlergruppe, der „Supremus-Gesellschaft“ nahe und in diesem Zusammenhang wurde ihm die Vorrangstellung eines „suprematistischen“ Komponisten zugedacht. Malewitsch entwickelte die musikalischen Aspekte seiner Kunstanschauung auch im Austausch mit dem Maler und Musiker Matjuschin und er versuchte eine Zeit lang die beiden Musiker zu entsprechenden „suprematistischen“ Experimenten zu bewegen, jedoch ohne Erfolg. Zu diesem Zeitpunkt hatte Roslawez längst damit begonnen ein an Alexander Skrjabins Klangzentrumstechnik sich anlehnendes Kompositionssystem zu entwerfen, das auf der Verwendung sogenannter „Synthetakkorde“ basiert. In seinen Kompositionen beginnt sich dieses Konzept ab 1913 zu verfestigen, der eigentliche „Synthetakkord“ findet dann 1919 erstmalig Verwendung. Roslavets „synthetisiert“ die verschiedenen harmonische Funktionen aus dem Tonvorrat eines einzigen Akkords, wodurch dieser zu einem multi- bzw. omnifunktionalen Gebilde wird. Diese originelle Eigenschaft lässt auch den prägenden Einfluss des, den russischen Symbolismus und Futurismus gleichermaßen philosophisch grundierenden, „All-Einheit“-Denkens des Religionsphilosophen Wladimir Solowjow (1853–1900) erkennen.


Bereits um 1915 hatte ein Kritiker Roslawez das Prädikat verliehen der „russische Schönberg“ zu sein, womit lediglich das Maß der „Modernität“ von Roslawez Kompositionen zum Ausdruck gebracht werden sollte. Diese „griffige“ Formulierung hat seine spätere Wiederentdeckung durch die Musikforschung sicher begünstigt und auch nicht unerheblich beeinflusst. Seit Ende der 1970er Jahren, als die Komponisten um den russischen Futurismus wieder vermehrt aufgeführt wurden, wurde daher Roslawez musikalischem Vermächtnis besondere Aufmerksamkeit gewidmet, zumal er sein komplexes Kompositionssystem flankierend auch ein reichhaltiges theoretisches Schrifttum hinterlassen hat. Bereits in den 1910er Jahren hatte Roslawez den Plan gefasst ein „neues, festes System der Tonorganisation“ zu erfinden, das er in den 1920er Jahren dann zu einer vollgültigen Kompositionslehre ausbauen wollte. Roslawez trat also Skrjabins kompositorisches Erbe auch dahin gehend an dessen Mangel an lehrbaren theoretischen Grundlagen zu kompensieren. Hinsichtlich dieser Theoriebildung und ihrer pädagogischen Zweckbestimmung lässt sich durchaus eine Parallele zu Schönberg erkennen. Aber Versuche Roslawez’ kompositorischen Ansatz mit den Zwölfton-, Reihen- und seriellen Prinzipien der Zweiten Wiener Schule zu vergleichen können in letzter Instanz nicht vollständig überzeugen.


Roslawez künstlerischer Werdegang nimmt jedoch in der restriktiven Kulturpolitik der Stalinära eine ausgesprochen tragische Wendung. Als überzeugter Marxist und unerschrockener Vorkämpfer moderner, „linker“ Kunstkonzepte besetzt er schon bald einen prominenten Platz im sowjetischen Musikleben. Neben journalistischen und pädagogischen Tätigkeiten war er in den 1920er Jahren als Lektor und politischer „Zensor“ beim staatlichen Musikalienverlag angestellt. Als Vorstandsmitglied der „ASM“ stand Roslawez seit 1924 zusätzlich im Fokus der Kritik und er wurde wohl auch seiner Streitbarkeit halber bevorzugt attackiert. Er sah sich häufig öffentlichen Anfeindungen und der hetzerischen und schikanösen Verfolgung durch Vertreter anderer Organisationen, wie der RAPM ausgesetzt, die auch seinem jüngeren Kollegen Alexander Mosolov (1900–1973) verfolgten. Mitte der 1930er Jahren gab Roslawez sein Konzept der Synthetakkorde endgültig auf und bemühte sich einen kulturpolitisch opportunen Kompositionsstil mit stärkeren folkloristischen Anklängen zu entwickeln. Dieser stilistischen Kehrtwende war allerdings kein Erfolg beschieden und seine Produktivität erlahmte nach und nach. 1939 erlitt Roslawez einen Schlaganfall, der seine Arbeitskraft noch stärker einschränkte, am 23. August 1944 erlag er in Moskau einem zweiten.

Veröffentlichte Alben

  • Klavierwerke um den Russischen Futurismus Vol. 4

    Die abschließende vierte Folge der SACD-Reihe stellt Werken Nikolaj Roslavets und Sergej Protopopovs Kompositionen von Igor Strawinsky und Alexander Skrjabin gegenüber und gewährt dadurch einen Ausblick auf den erweiterten Wirkungskreis des Futurismus auf die russische Musik. Ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2017.

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