Ivan Wyschnegradsky

Komponist

Biografie

Wyschnegradsky, Ivan

Ivan Alexandrowitsch Wyschnegradsky (1893-1979)
(Ива́н Алекса́ндрович Вышнегра́дский; Ivan Vyšnegradskij)


Ivan Wyschnegradsky wurde am 4. Mai 1893 in St. Petersburg geboren und wuchs in der künstlerisch gebildeten Atmosphäre eines wohlhabenden Elternhauses auf, in der er auch seine grundlegende musikalische Erziehung erhält. Neben Musik und Kunst gilt sein Interesse auch der Philosophie und der östlichen Mystik, erst mit 17 Jahren entscheidet er sich endgültig eine musikalische Laufbahn einzuschlagen. Neben seinem Jurastudium erhält er nun zwischen 1911 und 1915 Kompositionsunterricht bei dem Rimsky-Korsakov Schüler Nikolaj Sokolov (1859-1922), der ihn auch mit dem Werk Alexander Skrjabins (1872-1915) vertraut macht. Die intensive Auseinandersetzung mit dessen Kompositionen, sowie seiner ästhetischen, philosophischen und religiösen Ideen geben Wyschnegradskys musikalischer Vorstellungswelt grundlegend neue Impulse. In seinem Entwurf des „Klangkontinuums“ und der „Ultrachromatik“ werden Skrjabins kompositorische Ansätze von ihm konsequent und radikal weiter gedacht.


Dem „Klangkontinuum“ liegt die Absicht zugrunde kürzere und direktere Verbindung zwischen den einzelnen Klängen herzustellen, dies führt ihn zur systematischen, gleichmäßigen Unterteilung der Oktave und zur „Ultrachromatik“, der Verkleinerung der Tonschritte in Drittel-, Viertel-, Sechstel-, bis hin zu Zwölfteltönen, die sich theoretisch in immer feineren Abstufungen bis hin zur Unterteilung in unendlich kleine Intervalle fortführen lässt. Zu einem späteren Entwicklungsstadium der Systematisierung tritt dann noch die Einführung der „nicht oktavierenden“ Tonräume hinzu, die auf den scharf dissonierenden Intervallen der große Septime und kleine None basieren. Der unterschiedliche starke Auffüllungs- oder Dichtegrad der so entstehenden Klangmilieus wird für Wyschnegradsky zum kalkulierbaren, formbildenden Gestaltungsmittel, die Vermittlung zwischen Einzelton und dichteren Klangmassen wird zum Inhalt des musikalischen Geschehens. Wyschnegradskys unbedingter Wille zur verfeinerten Unterteilung erfasst schließlich auch alle rhythmischen Strukturen und Proportionen der Komposition.


Abgesehen von der Begegnung mit der skrjabinschen Gedankenwelt bewirkte nach Wyschnegradsky eigenem Bekunden ein tiefes mystisches Erlebnis diese entscheidende kompositorische Wandlung. So entsteht 1916/17 unter diesem Eindruck ein gut vierzigminütiges Werk für großes Orchester, Sprecher und Chor, das den Titel „Journée de l’Existence“ („Tag des Daseins“) trägt. Getragen vom opulenten Orchesterklang deklamiert der Sprecher einen von Wyschnegradsky selbstverfassten, philosophischen Text, der um die Erlangung eines „kosmischen Bewusstseins“ kreist und das Werk endet spektakulär auf einem über fünf Oktaven aufgefächerten zwölftönigen Akkord. Noch während der Arbeit am „Tag des Daseins“ entwickelt Wyschnegradsky seine Idee der weiteren Ausdifferenzierung des halbtönig-chromatischen Tonraums. Das „Klangkontinuum“ betrachtete er als Symbol dieses „kosmischen Bewusstseins“ und es führt ihn 1918 dann erstmals zur Anwendung von Vierteltönen, von hier an steht die Erforschung der „Ultrachromatik“ im Mittelpunkt seiner Arbeit.


Zunächst waren aber ganz praktische Probleme, wie die instrumentale Realisierung der Mikrotöne, zu bewältigen. Die Suche nach einer Firma, die für die Konstruktion und Herstellung eines Vierteltonklaviers gewonnen werden könnte war in Russland im Umfeld der Revolution von 1917 völlig aussichtslos und führte Wyschnegradsky bereits 1920 nach Paris und Berlin. Er nimmt jetzt Kontakt mit dem im Umfeld Ferruccio Busonis (1866-1924) gebildeten Kreis von Komponisten und Ingenieuren auf, die ebenfalls mit mikrotonalen Experimenten beschäftigt sind, und es entsteht ein reger Austausch mit Willy von Möllendorf (1872-1934), Richard Heinrich Stein (1882-1842), Jörg Mager (1880-1939) und vor allem Alois Hába (1893-1973). Eine engere Zusammenarbeit kommt jedoch nicht zustande, da seine Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert wird ist er gezwungen Berlin vorzeitig wieder zu verlassen und er lässt sich 1923 in Paris nieder. Immerhin konnte Hába die Klavierbaufirma Förster für die Herstellung eines Vierteltonklaviers gewinnen, aber erst 1929 ist Wyschnegradsky in der Lage ein solches, nach seinen Vorschlägen mit drei Manualen ausgestattetes Instrument, zu erwerben.


Während der 1920er Jahre beschäftigt sich Wyschnegradsky intensiv mit der konsequenten kompositorischen Nutzung und theoretische Ausarbeitung der verschiedenen mikrotonalen Systeme. Das Vierteltonklavier erwies sich als sehr hilfreich für den Kompositionsvorgang, war aber in letzter Instanz spieltechnisch zu schwer zu handhaben, um für öffentliche Aufführungen tauglich zu sein, doch Wyschnegradsky findet eine einfache, praxisorientierte Lösung dieses Problems. Das Verfahren mehrere Klaviere in mikrotonalen Abständen gegeneinander zu stimmen kommt denn auch bei den seltenen öffentlichen Aufführungen seiner Werke zur Anwendung, die von Olivier Messiaen (1908-1992) und anderen jungen Komponisten mit großem Interesse verfolgt werden. Zwischen Wyschnegradsky und Messiaen entsteht in der Folge eine tiefe künstlerische und freundschaftliche Verbundenheit. Vom starken Interesse Messiaens an Wyschnegradskys Ideenwelt zeugen auch zwei unedierte Kompositionen Messiaens aus den späten 1930er Jahren, die im Vierteltonsystem geschrieben sind. Aber trotz der intensiven Förderung und Unterstützung bleibt Wyschnegradsky ein musikalischer Außenseiter und im Pariser Musikbetrieb isoliert, so findet dann erst am 10. November 1945 das zweite (nach 1937) Konzert statt, das ausschließlich seinen Kompositionen gewidmete ist und an dem auch der junge Pierre Boulez (*1925) als Interpret beteiligt ist.


Während des Zweiten Weltkriegs kam Wyschnegradskys Arbeit zeitweilig völlig zum Erliegen und außerdem erforderte seine stark angeschlagene Gesundheit einen mehrjährigen Sanatoriumsaufenthalt. Nach dieser Zwangspause beginnt 1950 ein neuer kreativer Lebensabschnitt, der geprägt ist von einem befreienden Umdenken seiner Konzeption des „Klangkontinuums“. Dessen neu erkannte und formulierte Gesetzmäßigkeiten lassen sich nun auch auf Werke der „niederen“ halbtönigen Chromatik, wie der „Étude sur le Carré magique sonore“ anwenden. Wyschnegradskys kompositorische Aktivität nimmt wieder zu, ohne das es Gelegenheiten zur Aufführung seiner Werke gegeben habe. Im Jahre 1972 erscheint dann – anlässlich des 100. Geburtstags Alexander Skrjabins – auf Initiative von Claude Baillif eine Doppelnummer der „Revue musical“, die ausschließlich dem musikalischen Denken Wyschnegradskys und seines Freundes Nikolaj Obuchovs gewidmet ist. In direkter Folge nehmen das Interesse und die Zahl der Aufführungen seiner Werke wieder etwas zu und er konnte 1978 mit gut 60jähriger Verspätung die Uraufführung seines „Journée de l’Existence“ erleben. Ivan Wyschnegradsky starb am 28. September 1979 in Paris.
Mark Ziegler

Veröffentlichte Alben

  • Klavierwerke um den Russischen Futurismus Vol. 1

    Symbolismus und Futurismus beeinflussten die eigenwillige russische Kunstszene der 1910er Jahre. Ausgehend vom Vorbild Skrjabin unternahmen die drei Komponisten dieser SACD – Nikolaj Obuchov, Ivan Wyschnegradsky, Sergej Protopopov – ihre grenzüberschreitenden Experimente. Ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2017.

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