Arthur Lourié

Komponist

Biografie

Lourié, Arthur

Arthur Vincent Lourié (1892–1966)


Arthur Vincent Lourié ist sephardischer Abstammung (eigentlich Naum Izrailewitsch Lurje, bzw. Lurja) und wurde am 14.5.1892 in St. Petersburg geboren. Er wuchs in einem gut situierten Elternhaus auf, das seinen Wohlstand dem Holzgroßhandel des Vaters verdankte. Seine Jugend verbrachte er in Odessa, bevor er 1909 ins St. Petersburger Konservatorium eintrat, wo er der Klavierklasse der Busoni-Schülerin Marija Barinowa (1878–1956) und der Kompositionsklasse Alexander Glasunows (1865–1936) angehörte. Als aufstrebender Klaviervirtuose wurde er zeitweise als schärfster Konkurrent Sergej Prokofjews (1891-1953) gehandelt, jedoch führten unüberwindbare Differenzen mit dem Lehrpersonal zu seinem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Konservatorium. Er konvertierte 1913 zum katholischen Glauben und legte sich aus Verehrung für Schopenhauer und van Gogh den Künstlernamen Arthur Vincent zu. Durch die Vermittlung Nikolaj Kulbins (1868–1917) wurde er um diese Zeit auch in die futuristischen Kreise St. Petersburgs eingeführt, schloss Freundschaft mit ihren führenden Vertretern und wurde kurz darauf „offizieller“ musikalischer Repräsentant des Russischen Futurismus.


Der entscheidende Wendepunkt in der Entwicklung des russischen Kubo-Futurismus war die Aufführung der (Anti-) Oper „Sieg über die Sonne“ im Dezember 1913. Die Musik hatte der Maler und Musiker Michail Matjuschin (1861–1934) beigesteuert, während das Libretto vom Dichter Alexej Krutschjonych (1886–1969), und der „Prolog“ von Welimir Chlebnikov (1885–1922), stammte. Die beiden Dichter hatten bereits zuvor die Befreiung der Sprache gefordert und 1912 damit begonnen die Regeln einer phonetischen Kunstsprache zu formulieren, für die Krutschjonych den Begriff „zaumnyj“ prägte, den man als „transrational“ oder „metalogisch“ übersetzen kann. Die Texte der „Zaum’-Poesie“ erreichen einen hohen Abstraktionsgrad und besitzen zusätzlich eine betont (typo-) graphische Qualität, die sie auch als autonome bildnerische Schöpfungen erscheinen. Der Klang dieser Kunstsprache nähert sich dabei akustisch dem Geräuschhaften an und als Bestandteil von Buchkunstwerken, wird schließlich auch noch der Aspekt des Zeitverlaufs in den künstlerischen Gestaltungsprozess integriert. Krutschjonych schuf so ein „integrales“ Kunstkonzept von enormer Progressivität und Komplexität, in dem poetische, malerische und selbst musikalisch-akustische Aspekte zu einem „transmedialen“ Kunstwerk verschmelzen.


Dieser „transmediale“ (oder besser „intermediale“) Ansatz gelangte nun in der Gemeinschaftsarbeit am „Sieg über die Sonne“ zu voller Entfaltung. Der Maler Kasimir Malewitsch (1878–1935) entwarf ein kubo-futuristisches („alogisches“) Bühnenbild und entsprechende Kostüme. Die überformten Darsteller bewegten sich als dreidimensionale, skulpturale Elemente, von der Rezitation ihrer metalogischen Zaum’-Texte rhythmisiert im (Bühnen-) Raum. Dieser von Sprachklang und -geräuschen dominierten akustischen Komponente der Oper wurde von musikalischer Seite allem Anschein nach nichts Substantielles mehr hinzugefügt. Neben der (von allen Beteiligten verbürgten) qualitativen Dürftigkeit der musikalischen Ausführung lassen die fragmentarisch erhaltenen Kompositionen Matjuschins keinen, das intermediale alogische Gesamtkonzept, mit tragenden Ansatz erkennen. Ein nicht zu unterschätzender Teil der irritierenden Wirkung der Oper ging jedoch von Malewitschs verblüffender Lichtregie aus, die seine mobilen, Sprachklänge emittierenden, kubo-futuristischen Skulpturen mit gleißendem Scheinwerferlicht in Szene setzte.


Louriés musikalische Entwicklung schlägt innerhalb weniger Jahre, von etwa 1908/09 bis 1916, einen atemberaubenden stilistischen Bogen. Den von der Bildenden Kunst und Literatur vorgezeichnete Weg zu Abstraktion, Konzentration, Fragmentierung bis hin zur „Intermedialität“, wie sie im „Sieg über die Sonne“ exemplarisch vollzogen wird, zeichnet Louriés frühes Klavierschaffen getreu nach. Ganz im Geiste des Futurismus steht auch sein 1915 unterbreiteter Vorschlag ergänzender Versetzungszeichen zur Notation von Vierteltönen, deren Anwendung er durch ein kurzes Beispielstück (Prélude op. 12/2) illustriert. Louriés kompositorischer Wandlungsprozeß ist damit aber noch keineswegs abgeschlossen, sondern weist bereits vor 1920 Stilelemente westlicher Strömungen wie „Neue Einfachheit“ und „Neoklassizismus“ auf. Aber auch diese überraschende Metamorphose lässt sich zu einer aktuellen literarischen Strömung nämlich der des „Akmeismus“ in Beziehung setzen, mit deren Hauptverteterin Anna Achmatova (1889-1966) Lourié eine sehr enge freundschaftliche Beziehung verband.


Bereits 1918 berief Anatoli Lunatscharski (1875–1933) ihn als Leiter des „Volkskommissariats für Musik“. Lourié konnte in dieser Position einiges für die zeitgenössische Musik im jungen Sowjetstaat bewirken und auch das verstaatlichte Verlagswesen öffnete sich progressiven Tendenzen. Lourié realisierte jedoch schnell die Unvereinbarkeit seiner künstlerischen Absichten mit der offiziellen Aufgabenstellung und sah sich dem wachsenden Druck, der auf ihm in seiner exponierten Position lastete, nicht mehr gewachsen. Er entzog sich dieser beklemmenden Situation bereits 1922, als er von einer Dienstreise nach Berlin, wo er Kontakt zu Ferruccio Busoni (1866–1924) suchte, nicht zurückkehrte.


Nach der Berliner Zwischenstation ließ Lourié sich 1924 in Paris nieder. Hier stand er in vertrautem, persönlichem Kontakt mit Igor Strawinsky (1882–1971), dessen engster musikalischer Mitarbeiter er wurde, außerdem verband beide Männer ein vorübergehendes Sympathisieren mit der exilrussischen Bewegung der „Eurasier“. Diese „symbiotische“ Verbindung scheitert jedoch Anfang der 1930er Jahre, als Strawinsky das privat-freundschaftliche Verhältnis beendet. Das Zerwürfnis war absolut und in Strawinskys späteren Äußerungen und Erinnerungen wird Lourié mit keiner Silbe mehr erwähnt. Louriés Hinwendung zu religiösen und mystischen Inhalten steht in direktem Zusammenhang mit dem katholischen Philosophen Jacques Maritain (1882–1973) mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. In den Jahren des Pariser Exils kamen einige erfolgreiche Aufführungen seiner Werke zustande und er entwickelt nun eine stärker diatonisch-modale Tonsprache. Die letzte Lebensetappe schließt sich 1940 an, als er, diesmal vor den Nationalsozialisten, nach Amerika flüchtete. Hier erhielt er Unterstützung und Förderung durch Sergej Kussewizki (1874–1951), aber von einer regeren Tätigkeit als Musikschriftsteller abgesehen, blieb die amerikanische Musikszene dem Komponisten Lourié weitgehend verschlossen. Arthur Lourié starb am 13.10.1966 in Princeton, New Jersey.
Mark Ziegler

Veröffentlichte Alben

  • Klassik: XL 2017 - Surround

    Völlig aufgelöst – Klassik:XL in traumhafter Raumwiedergabe


    Die Studio-Mischung des Konzertmitschnitts der ECHO-Klassik-Gewinner am 28. Oktober 2017 aus dem Hamburger Michel (St. Michaelis) wurde von MDG in aufwendiger Mehrkanal-Technik aufgezeichnet. Nun steht diese Studio-Mischung in verschiedenen FLAC-Formaten als Download oder USB-Stick in 16bit 44.1kHz PCM, 24bit 96kHz PCM sowie in den raumfüllenden 3D-Formaten des 2+2+2 und 2222+ Recording (ebenfalls 24bit 96kHz PCM) zur Verfügung...

  • Klassik: XL 2017 - Live

    Völlig aufgelöst – Klassik:XL in traumhafter Raumwiedergabe


    Die Live-Mischung des Konzertmitschnitts der ECHO-Klassik-Gewinner am 28. Oktober 2017 aus dem Hamburger Michel (St. Michaelis) wurde von MDG in aufwendiger Technik aufgezeichnet. Nun steht diese Stereo-Live-Mischung wahlweise als Download in FLAC 16bit 44.1kHz PCM, FLAC 24bit 96kHz PCM oder als USB-Stick in FLAC 24bit 384kHz sowie WAVE 32bit 768kHz PCM in bisher nicht gehörter Auflösung zur Verfügung...

  • Klavierwerke um den Russischen Futurismus Vol. 2

    Die Begegnung mit dem Leben und Werk von Arthur Lourié (1892-1966) und Sergej Protopopov (1893-1954) bietet Gelegenheit tiefere Einblicke in die turbulenten Entwicklungen der russischen Kunst und Gesellschaft der 1910er und 1920er Jahre zu nehmen und deren Beeinflussung durch futuristisches Ideengut zu verfolgen. Ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2017.

Keine Veranstaltungen gefunden.