Alexander Mosolov

Komponist

Biografie

Mosolov, Alexander

Alexander Wassiljewitsch Mosolov (1900-1973)
(Александр Васильевич Мосолов; Alexander Vasilievich Mosolov; Alexander Wassiljewitsch Mossolow; Aleksandr Vasil'evič Mosolov)


Alexander Mosolov wurde am 11. August (29. Juli) 1900 in Kiew geboren, die Familie zieht aber im Jahre 1904 nach Moskau um. Der illustre Freundeskreis der Mutter, ließ im Elternhaus eine umfassend interessierte „kunstaffine“ Atmosphäre entstehen. Nach dem frühen Tod des Vaters (1905) findet Mosolovs Erziehung in dieser inspirierenden Umfeld statt. Der vertraute und selbstverständliche Umgang mit vielen zeitgenössischen Kunstschaffenden und auch verschiedene Auslandreisen, die er in Begleitung seiner Mutter unternimmt, haben seine Kenntnis und Aufgeschlossenheit gegenüber aktuellen künstlerischen Strömungen des In- und Auslands geprägt. Ersten professionellen Klavierunterricht erhält er von Alexander Schenschin (1890–1944), in den Jahren 1920/21 ist er als Stummfilmpianist tätig und ab 1921 nimmt Mosolov dann sein Studium am Moskauer Konservatorium auf, das er bis 1925 fortsetzt und in dessen Verlauf auch seine fünf Klaviersonaten entstehen. Seine Kompositionslehrer sind Reinhold Glièr (1875–1956) und Nikolaj Mjaskovski (1881–1950) außerdem besucht er die Klavierklassen von Grigorij Prokofjew (1883–1962) und Konstantin Igumnov (1873–1948).


Unter diesen Rahmenbedingungen formt sich Mosolovs Temperament aber nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern es entwickelt sich auch schon früh eine Tendenz zu Kompromisslosigkeit, Draufgängertum und stürmischer Impulsivität. Er besuchte bis 1916 das Gymnasium, von dem er mehrfach wegen seiner derben Späße beurlaubt wird. Im selben Jahr noch reißt er von zu Hause aus um an der Front zu kämpfen jedoch wird er umgehend wieder zurück gebracht. Auch den revolutionären Umbruch von 1917 begrüßt er begeistert, er meldet sich freiwillig und dient bis 1921 in der Roten Armee. Im Rahmen seines Dienstes kam es sogar dreimal zu einer persönlichen Begegnung mit Lenin, was ihn als aktiven Teilnehmer am Revolutionsgeschehen mit besonderem Stolz erfüllte. Vor dem Hintergrund dieser charakterlichen Disposition und seiner demonstrativen Verbundenheit mit der Revolution wird klar, wie verständnislos Mosolov den später gegen ihn erhobenen kulturpolitischen Anfeindungen und persönlichen Schikanen gegenüberstehen musste. Das ganze Ausmaß seiner Verzweiflung und Frustration kommt schließlich in einem an Stalin persönlich gerichteten Brief des Jahres 1932 zum Ausdruck.


Mosolovs jugendlich-stürmisches Naturell scheint dem revolutionären Gestus, der den Anbruch der „Neuen Zeit“ begleitete, ideal zu entsprechen und dass seine Klaviersonaten auch einen individuellen psychologisch, verarbeitenden Aspekt besitzen ist häufig hervorgehoben worden. Die während seiner Studienzeit bei Mjaskovski zwischen 1923 und 1925 entstandenen Stücke enthalten eine immense Fülle von Einfällen, die von seinem gesteigerten Ausdrucks- und Mitteilungsbedürfnis zeugen. Ganz nach dem Vorbild seines Kompositionslehrers Nikolaj Mjaskovski, der seine Kriegserlebnisse in drei seiner Klaviersonaten verarbeitete scheint Mosolov hier seine eigenen Erfahrungen aus Revolution und Bürgerkrieg verhandelt zu haben. Der Anfang zwanzigjährige legt jedoch weniger einen vergrübelten, als einen schonungslos offensiven Umgang damit an den Tag, dabei werden vielleicht auch die fundamentalen Zweifel, Ängste und Zerrissenheit der Sowjetjugend fühlbar, die sich ungeschönt in der düsteren, dissonanzgeschärften Atmosphäre dieser Werke niederschlagen. Auch die maßgeblichen Stilmittel seiner späteren Kompositionen, wie die Verwendung von Ostinati und die folkloristischen Anklänge werden in den Sonaten bereits genutzt.


In Mosolovs Kompositionsweise hat sich ab Ende 1925 ein merklicher stilistischer Wandel vollzogen. Im Umfeld der ASM machte er die einflussreiche Bekanntschaften mit den Werken Hindemiths und Honeggers und nicht zuletzt seine publizistische Tätigkeit brachte ihm die aktuelle ästhetische Diskussion, die von den Schlagwörtern „Urbanismus“ und „Industrialismus“ dominiert wurde, nahe. Seine Kompositionen der späteren 1920er Jahre, wie das Streichquartetts von 1926 und die 1927 entstandene Orchesterepisode „Zavod“ erweisen sich in besonderem Maße als „am Puls der Zeit“. Mosolov stand nun zunehmend im Ruf eines „enfant terrible“ und rückte nun kurzzeitig auch ins Rampenlicht der internationalen Aufmerksamkeit. Seine Werke lassen nun verstärkt konkrete Gesellschaftsbezüge feststellen, die Instrumentalwerke weisen Verbindung zur Unterhaltungsmusik oder Folklore auf, die textgebundenen besitzen einen mehr revolutionären oder agitativen Charakter wohingegen seine szenischen Entwürfe mehrheitlich propagandistisch angelegt sind.


Mosolovs weiterer Lebensweg nahm unter dem hohen Disziplinierungsdruck der sowjetischen Kulturpolitik der 1930er Jahre nun eine ganz andere, tragische Wendung. Seit den späten 1920er Jahren war er neben Nikolaj Roslavets beliebtes Angriffsziel aggressiver Attacken und Denunziationen seitens der Mitglieder der „Vereinigung proletarischer Musiker“ (RAPM). Von den sich häufenden Schikanen genötigt versuchte Mosolov im März 1931 durch einen persönlichen Brief an Stalin eine Klärung seiner Situation zu erwirken. Insofern kann der am 23. April 1932 erfolgende kulturpolitische Kurswechsel als indirekte Bestätigung seiner Kritik und als weitestgehende Rehabilitierung Mosolovs verstanden werden. Mosolov schwenkt nun kompositorisch in einen kulturpolitisch opportunen Folklorismus ein, woraus sich die Basis für eine rege Reiseaktivität entwickelt.


Die Hetzjagd und Anfeindungen der 1920er Jahre hatte Mosolov somit glimpflich überstanden, aber seine weitere Verfolgung und Unterdrückung war damit nicht beendet. Am 18. September 1937 erscheint in der Istvestija ein Schmähartikel, der ihn des „Suffs“ und der „liederlicher Lebensführung“ während seiner Forschungsreisen bezichtigt. Bereits am 4. November wird er verhaftet und in einem Schnellverfahren zu acht Jahren Haft in einem „Arbeitsbesserungslager“ verurteilt. Dank der Fürsprache seiner beiden Lehrer Mjaskovski und Glièr wird sein Fall aber erneut verhandelt. Mosolov wird am 25. August 1938 wieder auf freien Fuß gesetzt und seine Haftstrafe in einen fünfjährigen Entzug des Wohnrechts in Moskau, Leningrad und Kiew umgewandelt. Die Konsequenzen dieser fatalen Entwicklungen liegen auf der Hand. Mosolovs kompositorische Entwicklung hatte durch sein Einschwenken in die kulturpolitisch akzeptierte Richtung eine gravierende Deformation erlitten, seine internationale Karriere war schlagartig beendet, die nationale wurde unterdrückt und sein Schaffen blieb, so sehr er sich auch um Anerkennung bemühte, marginalisiert und diskreditiert. Binnen weniger Jahre fiel Mosolov (und zwar im Westen und Osten gleichermaßen) einem verordneten Vergessen anheim, er starb am 11. Juli 1973 in Moskau.
Mark Ziegler

Veröffentlichte Alben

  • Klavierwerke um den Russischen Futurismus Vol. 3

    In den 1920er Jahren erlebt die junge sowjetische Kunstszene eine Phase relativer Freiheit, ein viel versprechendes Talent ist Alexander Mosolov (1900-1973), dessen künstlerischer und biographischer Werdegang besonders eng und tragisch mit den politischen Entwicklungen dieser Zeit verwoben ist. Ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2017.

Keine Veranstaltungen gefunden.