Wolfgang Hufschmidt: Meissner Tedeum

Antje Bitterlich, Martin Lucaß, Chor und Orchester sowie Vokal- und Instrumentalsolisten Folkwang-Hochschule Essen, Hartmut Haenchen

Erschienen: 2003

Katalog-Nummer: Cybele SACD 860201

Hybrid-SACD Stereo+5.1ch Surround Sound USB-Stick
6CH

Kurzbeschreibung

Deutsch-deutsche Gemeinschaftsproduktion 1968: Günter Grass schrieb den Text, Hufschmidt komponierte. Gegenüberstellung des Uraufführungsmitschnitts und einer Neuproduktion von 1997. Hartmut Haenchen singt in Ersterem und dirigiert Letztere.

Beschreibung

Ob jedem Kunstwerk die jeweilige politische Situation innewohnt, in der es entsteht, ist kaum zu beweisen. Solches aber anzunehmen, vermag weitreichende und vielfach ungeahnte Perspektiven zu öffnen. Schließlich fallen ästhetische Gebilde nicht einfach so vom Himmel. Sie sind Dokumente und Protokolle ihrer Zeit, selbst wenn sie Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später durchaus noch Gehöriges mitzuteilen haben. Überhaupt entfaltet sich ihr Aussagepotenzial oft erst in der Rückschau, wenn historische Geschehnisse und Zusammenhänge sich klarer zeigen, als es in der jeweiligen Zeitgeschichte möglich zu sein scheint. Daraus nun allerdings herleiten zu wollen - was auch gern geschieht -, Kunst könne in ihrer Entstehungszeit ohnehin nicht richtig verstanden werden, der Künstler sei ob seines Künstlerseins den Zeitgenossen stets voraus, wäre fatal und verlangt nach Einspruch. 1939 sagte der Komponist Edgard Varèse: "Entgegen der herrschenden Auffassung ist der Künstler niemals seiner eigenen Zeit voraus, sondern einfach der einzige, der nicht verspätet ist."
Als Wolfgang Hufschmidt in den Jahren 1967 und 1968 das MEISSNER TEDEUM schreibt, ein Auftragswerk der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft aus Anlass des 1000-jährigen Bestehens des Domes zu Meißen (Sachsen), geht es ihm und dem Schriftsteller Günter Grass um einen deutsch-deutschen Dialog. Grass verfasst für die Komposition einen Gegentext zum traditionellen Tedeum-Text (in der Martin Luther-Übersetzung). Ein antiphonales Prinzip. Es ist nicht nur auf der Textebene präsent - den älteren singt der Chor, den jüngeren ein Vokalensemble -, sondern fungiert als durchgängiges Werkkonzept des MEISSNER TEDEUMS. Ursprünglich plant Hufschmidt, dass beide Vokalgruppen ihre Parte getrennt voneinander einstudieren und sie erst bei der Uraufführung im Meißner Dom zusammenzubringen. Ein Ensemble aus der Bundesrepublik sollte den Grass-Text interpretieren und die "Meißner Kantorei 1961" den Luther-Text. Die Politik vereitelt die Idee. Ohnehin ist das MEISSNER TEDEUM wiederholt Angriffen ausgesetzt, und die geplante Uraufführung am 25. Mai 1968 ist mehrfach gefährdet. Text- wie das grenzüberschreitende Produktions- und Realisationskonzept der Komposition - hier BRD, dort DDR - sorgen für erhebliche Schwierigkeiten. Günter Grass' Kommentare zum Tedeum missfallen der kirchlichen Obrigkeit in der DDR, man spricht gar vom "Teufel im Dom". Und die sich plötzlich einschaltende politische Staats- und Partei-Administration, an der die Diskussion selbstverständlich nicht vorbeigeht, betrachtet das Werk schließlich nicht mehr als eine nur "innerkirchliche" Angelegenheit. Der im MEISSNER TEDEUM verhandelte Diskurs von Glauben und Glaubenskritik avanciert zum Politikum.
Ein solches Thema, das zwangsläufig die kirchliche Autorität in Frage stellt, bedroht womöglich auch die Staatsmacht. Und die Ereignisse von 1968 - der Prager Frühling, die Studentenrevolten in den westeuropäischen Ländern - befördern diese Meinung. So stehen Proben und Aufführung unter der Kontrolle der Staatssicherheit und der Volkspolizei - aus Angst vor politischen Unruhen. Dass angesichts dieser nervös angespannten Situation, den staatlichen wie kirchlichen Widerständen - die Musikkritik darf über die Aufführung nicht berichten, das Leipziger Gewandhausorchester nur anonym musizieren - das MEISSNER TEDEUM überhaupt realisiert werden kann, ist erstaunlich und rückblickend gar noch erstaunlicher.
Dokumente, die erst nach 1989, nach der friedlichen Revolution in der DDR, öffentlich zugänglich geworden sind, belegen die ungeheure Brisanz, die die Komposition gut dreißig Jahre zuvor ausgelöst hat. All dies ist Wolfgang Hufschmidts MEISSNER TEDEUM inhärent.

Details

Tracks 1-5: Antje Bitterlich (Sopran) - Martin Lucaß (Bariton) - Folkwang-Hochschule Essen: Chor und Orchester sowie Vokal- und Instrumentalsolisten - Hartmut Haenchen (Leitung)


Tracks 6-10: Barbara Hoene (Sopran) - Hartmut Haenchen (Bariton) - Meißner Kantorei - Gewandhausorchester Leipzig - Erich Schmidt (Leitung) *
* nur im "FLAC 24bit 96kHz Stereo"- oder "DSD 1bit 2.8224MHz Stereo"-Audioformat erhältlich; Analogaufnahme von 1968, DSD remastered


Begleitheft-Sprachen: Deutsch und Englisch (36 Seiten Umfang mit Digipak)


Eine Co-Produktion mit dem MDR


Gefördert von der Kunststiftung NRW

Biografien

Wolfgang Hufschmidt (* 1934 in Mülheim an der Ruhr)
studierte von 1954 bis 1958 Kirchenmusik und Komposition bei Siegfried Reda an der Folkwang-Hochschule in Essen.
Anschließend war er als Kirchenmusiker in mehreren Essener Gemeinden tätig und komponierte zahlreiche Stücke für den kirchenmusikalischen Gebrauch. 1968 übernahm er eine Dozentur für Musiktheorie an der Folkwang-Hochschule Essen, die ihn 1971 zum Professor für Komposition berief. Von 1988 bis zu seiner Emeritierung 1996 war er zudem Rektor der Folkwang-Hochschule.
Hufschmidt, der seit 1954 in Essen lebt, ist Mitbegründer verschiedener Institutionen, u.a. des Vereins für musikalische Aufführungen und Veröffentlichungen, der Gesellschaft für Neue Musik Ruhr (GNMR) und der edition V. Seit 1994 ist er Präsident der Internationalen Hanns-Eisler-Gesellschaft und seit 1996 Vorsitzender des Choreographischen Zentrums NRW in Essen. 1964 würdigte die Stadt Mülheim sein Schaffen mit dem Förderpreis für Kunst und Wissenschaft sowie 1973 mit ihrem Ruhrpreis.
Komposition versteht Wolfgang Hufschmidt als eine übergeordnete künstlerische Disziplin, die die Organisation verschiedener ästhetischer Materialien ermöglicht. Für seine Literaturprojekte sind ihm vor allem Texte von Günter Grass, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Samuel Beckett und Bertolt Brecht wichtig. Und in seinen multimedialen Stücken geht es ihm um die Verknüpfung von Film, Bild, Farbe, Sprache, Schauspiel, vokaler, instrumentaler, elektronischer Musik und Computer-Musik. Sein interdisziplinärer Ansatz führte mehrfach zur Zusammenarbeit mit Künstlern aus anderen Sparten, etwa mit dem Künstler Wolfgang Pilz bei LIEDER OHNE WORTE (1985/86) oder mit dem Filmemacher Klaus Armbruster bei RUHRWERK (1997/98).
Zudem hat Hufschmidt sich auch als Musikschriftsteller betätigt. Seine Bücher "Willst zu meinen Lieder deine Leier drehn? - Zur Semantik der musikalischen Sprache in Schuberts ‚Winterreise' und Eislers ‚Hollywood-Liederbuch'" (1992, 2. Auflage 1997), "Struktur und Semantik - Texte zur Musik 1968?1988" (1994) und "Denken in Tönen - Eine Einführung in die Musik als Komposition" (2003) sind im Pfau-Verlag Saarbrücken erschienen (www.pfau-verlag.de). Hufschmidts Partituren sind publiziert im Pfau-Verlag und im Bärenreiter-Verlag, Kassel.

Meissner Tedeum
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SACD Meissner Tedeum (Hybrid-SACD Stereo+5.1ch Surround Sound)
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1) Meissner Tedeum (Wiederaufführung 1997) - Hymnus
Komponist: Wolfgang Hufschmidt (1934-)
Interpret(en): Antje Bitterlich, Martin Lucaß, Folkwang-Hochschule Essen, Hartmut Haenchen
8:41
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2) Meissner Tedeum (Wiederaufführung 1997) - Fuge
Komponist: Wolfgang Hufschmidt (1934-)
Interpret(en): Antje Bitterlich, Martin Lucaß, Folkwang-Hochschule Essen, Hartmut Haenchen
10:47
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3) Meissner Tedeum (Wiederaufführung 1997) - Variationen
Komponist: Wolfgang Hufschmidt (1934-)
Interpret(en): Antje Bitterlich, Martin Lucaß, Folkwang-Hochschule Essen, Hartmut Haenchen
12:28
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4) Meissner Tedeum (Wiederaufführung 1997) - Rondo
Komponist: Wolfgang Hufschmidt (1934-)
Interpret(en): Antje Bitterlich, Martin Lucaß, Folkwang-Hochschule Essen, Hartmut Haenchen
13:23
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5) Meissner Tedeum (Wiederaufführung 1997) - Ostinato
Komponist: Wolfgang Hufschmidt (1934-)
Interpret(en): Antje Bitterlich, Martin Lucaß, Folkwang-Hochschule Essen, Hartmut Haenchen
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Gesamtspielzeit  53:45  
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