Am Anfang stand eine Ablehnung. John Cage habe ihn lange fasziniert, schreibt Bernd Wiesemann im Begleitheft, doch der Faszination sei die Irritation vorausgegangen und der Irritation die strikte Ablehnung; ähnlich sei es ihm mit Yves Klein und den Dada- und Happening-Künstlern ergangen. Mitte der 1960er Jahre lernte er den Maler, Goldschmied und Dichter Will Ameln kennen, der sich vornahm, an jedem Tag des Jahres 1968 ein Gedicht zu schreiben; über ihn kamen die ersten Begegnungen mit Duchamp und Satie, und von dort war es zu Cage ein kurzer Weg.
Mitte der 1970er Jahre gründeten einige seiner Schüler eine Musiktheatergruppe im Geist von Cage und Kagel und engagierten ihren Lehrer für Elternabende; er spielte Water Music, 4’33’’ und WAITING und hörte in dieser Zeit zum ersten Mal von Cages Suite for Toy Piano. Für eine Aktion aus Kagels Repertoire wurde ein chromatisches Kinderklavier gebraucht, das ein Mitglied der Gruppe schließlich in einem Münchener Geschäft für edle Spielwaren fand. Damit begann Wiesemanns Geschichte mit dem Instrument.
Er schrieb selbst kurze Stücke dafür, regte damit andere Komponisten an, nahm Cages Suite ins Repertoire und trat mit einem Programm von 45 Minuten in Büchereien und Kneipen, Volkshochschulen und Ausstellungen auf — sein Weg, mit dem Kinderklavier auch die neue Musik zu den Menschen zu bringen. 1993 wurden der Kompositionsstudent Andreas Kunstein und der damalige Ton- und Bildingenieur-Student Ingo Schmidt-Lucas auf ihn und sein Instrument aufmerksam und initiierten eine erste CD mit neuer Musik für Kinderklavier.
Dieses Album führt die Reihe fort. Es versammelt Läuten für den Zarewitsch von Oskar Gottlieb Blarr, mm³ für drei Kinderklaviere von Oscar van Dillen, PA-CA-TO von Michael Denhoff, die Drei Brombeeren von Kai Yves Linden, das Nocturne von Karl-Heinz Zarius, bitS & pieceS von Norbert Laufer, das Piece for Toy Piano von Heinz-Dieter Willke, Zuckerregen von Yasuko Yamaguchi, Wiesemanns eigene Bauhaus-Suite mit fünf Porträts über die Namen von Gunta Stölzl, Gertrud Arndt, Kitty Fischer, Monica Bella-Broner und Margarete Reichardt sowie einem Tango für fünf Bauhaus-Künstlerinnen, und schließlich trimer für Toy Piano und Zuspielband von Christian Banasik.
Im Begleitheft erläutern die Komponisten ihre Stücke. Oskar Gottlieb Blarr schrieb Läuten für den Zarewitsch nach einer Russlandreise, auf der ihn die wiederbelebte Glockenkunst beeindruckte, als Epitaph für den Zarewitsch Dimitri, der 1591 als Neunjähriger ermordet wurde. Oscar van Dillen nutzt in mm³ die drei leicht verschieden gestimmten Instrumente und ihre hörbare Mechanik, und Michael Denhoffs PA-CA-TO verbindet Passacaglia, Kanon und Toccata: Eine Tonfolge aus abwechselnd weißen und schwarzen Tasten wächst von der Ein- zur Achtstimmigkeit.
Die Hybrid-SACD spielt 68:53 in Stereo und 5.1 Surround; das Begleitheft umfasst 32 Seiten in Deutsch und Englisch. Aufgenommen wurde vom 9. bis 13. September 2003 in der Evangelischen Kirche an der Gräfrather Straße in Wuppertal.
